Ehrenamtler Michael Freund (r.)

Er kümmerte sich als Sanitäter bei der Loveparade um Verletzte und Traumatisierte. Michael Freund erhält dafür eine Anerkennungsurkunde von Bundespräsident Christian Wulff.

Todenbüttel / Berlin. Der junge Mann, der Michael Freund in der Sanitätsstation gegenübersaß, hatte den Tod seiner Freundin mit ansehen müssen - ohne etwas gegen die übermächtige Menschenmasse ausrichten zu können. Er hatte, wie viele Techno-Fans im Tunnel am alten Duisburger Güterbahnhof, im Gedränge einen Teil seiner Kleidung und Papiere verloren, war traumatisiert und wusste nicht, wie er nach Hause kommen sollte. Vor allem brauchte er psychologische Hilfe - und Freund wurde vom Sanitäter zum Seelsorger. "Als ausgebildeter Suchtkrankenhelfer konnte ich das", sagt der 54-Jährige. Seine Station lag direkt neben der überfüllten Röhre, in der am 24. Juli diesen Jahres 21 Menschen ums Leben kamen und hunderte verletzt wurden.

Es war sein erster Einsatz bei der Loveparade. Als Sanitäter war Freund für die Johanniter ehrenamtlich beim weltgrößten Heavy-Metal Festival, dem Wacken Open Air, im Einsatz gewesen, und auch beim Marathon in Berlin und Hamburg. Duisburg war anders. Dort nahm sich der Helfer aus Todenbüttel (Kreis Rendsburg-Eckernförde) Menschen an - wie dem traumatisierten Kollegen, der nicht verstand, warum Ärzte die Wiederbelebung eines Toten aufgaben.

"Wacken war meine Therapie"

Am Freitag, fast fünf Monate nach dem Unglück, erhält Freund in Berlin für seine Arbeit eine Anerkennungsurkunde von Bundespräsident Christian Wulff. Tobias und Katharina Hampel aus Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg), wie Freund Mitglieder des Johanniter-Ortsverbandes Quickborn (Kreis Pinneberg), sind ebenfalls unter den 200 geladenen Helfern. Es sind jene der insgesamt 5400, die unmittelbar im oder am Tunnel im Einsatz waren, dort Verletzte und Traumatisierte betreuten.

Doch wie geht ein Seelsorger selbst mit dem Erlebten um? Zurück zu Hause sah Freund am Sonntag nach dem Unglück die Fernsehberichte, "aber da sagte ich mir: das lässt sich nicht ändern". Der Tiefpunkt kam am Montag. Was ihm half, den Tag zu verarbeiten, war ein Gespräch mit einem Pastor. Und schon bald suchte Freund die Konfrontation: "Wacken war meine Therapie", sagt er heute. Beim Anblick der Absperrgitter stieg anfangs Beklemmung in ihm auf. Doch auf dem Höhepunkt des Festivals konnte er die Stimmung und die Musik wieder genießen.

Für die Urkunde des Bundespräsidenten ist Freund dankbar. "Es ist gut zu wissen, dass man unseren Einsatz wahrnimmt", sagt er. Trotzdem hat er das Kapitel Loveparade noch nicht abgeschlossen: "Was mich umtreibt ist, dass niemanden die Verantwortung für das Geschehene übernimmt. Der Duisburger Bürgermeister hätte sich vor seine Ordnungsbehörde stellen und die Verantwortung übernehmen müssen." Denn Verantwortung, sagt Freund, sei nicht das gleiche wie Schuld. Die Schuld an dem Unglück von Duisburg laste auf vielen Schultern. Auch denen der Menschen, die in Massen in den überfüllten Tunnel strömten.

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